Die Verwendung von Kräutern in der Pferdefütterung hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Dennoch wirft das Thema weiterhin viele Fragen auf. Sind Kräuter lediglich Teil einer langen Tradition oder gibt es auch wissenschaftliche Grundlagen für ihren Einsatz?
Nach aktuellem Forschungsstand liegt die Antwort irgendwo dazwischen. Viele Kräuter, die bei Pferden eingesetzt werden, enthalten ernährungsphysiologisch interessante Inhaltsstoffe, und einige Pflanzen wurden bereits wissenschaftlich untersucht. Gleichzeitig weisen Forscher darauf hin, dass die Wirkungen vieler Kräuter speziell beim Pferd deutlich weniger erforscht sind als beispielsweise beim Menschen oder bei Nutztieren.
Eines scheint jedoch klar zu sein: In der Natur ist die Ernährung des Pferdes wesentlich vielfältiger als lediglich Heu oder Weidegras.
Pferde sind von Natur aus vielseitige Pflanzenfresser
Wildlebende Pferde nutzen im Laufe des Jahres zahlreiche verschiedene Pflanzenarten. Neben Gräsern fressen sie unter anderem Kräuter, Sträucher, Blätter, Rinde, Samen und Wurzeln.
Dadurch nehmen sie eine große Vielfalt natürlicher Pflanzenstoffe auf. In der heutigen Stallhaltung ist die Fütterung häufig deutlich einseitiger, weshalb viele Forscher den Einsatz von Kräutern als biologisch sinnvolle Möglichkeit betrachten, die Vielfalt der Ration zu erhöhen.
Was enthalten Kräuter?
Das Interesse an Kräutern beruht nicht ausschließlich auf ihrem Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen.
Pflanzen enthalten von Natur aus unter anderem:
- Ballaststoffe
- Polyphenole
- Flavonoide
- Carotinoide
- ätherische Öle
- Schleimstoffe
- verschiedene organische Schwefelverbindungen
Diese Stoffe sind ein natürlicher Bestandteil der Pflanzenstruktur und des Stoffwechsels. Gerade deshalb stehen sie zunehmend im Fokus der Tierernährungsforschung.
Was hat die Forschung herausgefunden?
Eine der bekanntesten Übersichtsarbeiten zur Kräuterfütterung bei Pferden wurde 2008 von Carey Williams und Emily Lamprecht veröffentlicht. Die Forscher analysierten die wissenschaftliche Literatur zu häufig verwendeten Kräutern und pflanzlichen Futtermitteln.
Dabei wurden unter anderem betrachtet:
- Knoblauch
- Ingwer
- Sonnenhut (Echinacea)
- Ginseng
- Yucca
- verschiedene pflanzliche Ergänzungsfuttermittel
Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass viele Pflanzen biologisch aktive Inhaltsstoffe enthalten, die Zahl der speziell bei Pferden durchgeführten Studien jedoch noch begrenzt ist. Die Anwendung vieler Kräuter beruht derzeit auf einer Kombination aus traditioneller Verwendung, bekannten ernährungsphysiologischen Eigenschaften und Forschungsergebnissen aus anderen Tierarten.
In den letzten Jahren wurden jedoch zunehmend Studien veröffentlicht, insbesondere zu Verdauung, antioxidativen Eigenschaften und pflanzlichen Bioaktivstoffen.
Hagebutte – eine der am besten untersuchten Pflanzen beim Pferd
Die Hagebutte (Rosa canina) gehört zu den wenigen Pflanzen, die auch in kontrollierten Studien mit Pferden untersucht wurden.
Forscher interessieren sich besonders für ihren Gehalt an:
- Polyphenolen
- Flavonoiden
- Carotinoiden
- Vitamin C
- Pektin
- Ballaststoffen
Im Jahr 2010 führten Winther und Kollegen eine randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie durch, in der die Auswirkungen von Hagebutten auf Immunsystem, Leistungsfähigkeit und Verhalten von Pferden untersucht wurden.
Dabei wurden Unterschiede zwischen den Pferden der Hagebutten-Gruppe und der Placebo-Gruppe in mehreren gemessenen Parametern festgestellt. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die natürlichen Inhaltsstoffe der Hagebutte bestimmte physiologische Prozesse beeinflussen können.
Im Jahr 2012 untersuchte dieselbe Forschergruppe die Aufnahme von natürlichem Vitamin C aus Hagebutten sowie Parameter der antioxidativen Kapazität bei Trabrennpferden über einen Zeitraum von drei Monaten.
Die Studie zeigte Veränderungen bei mehreren antioxidativen Messwerten im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Hagebutten eine natürliche Quelle antioxidativer Pflanzenstoffe in der Pferdefütterung darstellen können.
Knoblauch – eines der weltweit am besten untersuchten Kräuter
Knoblauch (Allium sativum) gehört zu den bekanntesten und am besten erforschten Pflanzen in der Pferdefütterung.
Besonders interessant sind verschiedene organische Schwefelverbindungen wie Allicin sowie weitere natürliche Pflanzenstoffe.
Studien mit Pferden untersuchten vor allem:
- Parameter der Atemwege
- Schleimbildung
- Blutwerte
- die Sicherheit einer langfristigen Anwendung
In einer 2019 veröffentlichten Studie erhielten Pferde über mehr als 80 Tage getrockneten Knoblauch. Die Forscher beobachteten Veränderungen bei bestimmten Atemwegsparametern sowie in der Zusammensetzung des Schleims der Atemwege im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass sehr hohe Knoblauchmengen Auswirkungen auf die roten Blutkörperchen haben können. Deshalb betonen Wissenschaftler die Bedeutung einer angemessenen Dosierung und den Einsatz von Knoblauch als Teil einer ausgewogenen Fütterung, nicht jedoch in unbegrenzten Mengen.
Knoblauch ist ein gutes Beispiel für eine Pflanze, deren Verwendung sowohl auf einer langen Tradition als auch auf wissenschaftlicher Forschung basiert.
Schleimstoffreiche Pflanzen – interessant aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften
Nicht alle Kräuter stehen wegen ihrer bioaktiven Inhaltsstoffe im Fokus.
Einige Pflanzen enthalten hohe Mengen an Schleimstoffen, sogenannten Mukopolysacchariden. Ihre Bedeutung beruht vor allem auf ihren physikalischen Eigenschaften.
Zu den bekanntesten schleimstoffreichen Pflanzen gehören:
- Eibischwurzel (Althaea officinalis)
- Rotulme (Ulmus rubra)
- Flohsamenschalen (Plantago ovata)
- Leinsamen
- Bockshornklee
- Chiasamen
Kommen Schleimstoffe mit Wasser in Kontakt, bilden sie eine gelartige Struktur.
Forscher interessieren sich dabei insbesondere für:
- die Struktur des Nahrungsbreis
- lösliche Ballaststoffe
- Gelbildung
- den Gehalt an natürlichen Schleimstoffen
Eibischwurzel und Rotulme sind besonders für ihren hohen Schleimstoffgehalt bekannt. Flohsamenschalen gehören zu den am besten untersuchten schleimstoffreichen Pflanzen beim Pferd und werden vor allem aufgrund ihrer Fähigkeit geschätzt, große Mengen Wasser zu binden und eine gelartige Masse zu bilden.
Bei Chiasamen steht zusätzlich der natürliche Gehalt an Omega-Fettsäuren im Interesse der Forschung.
Die Verwendung schleimstoffreicher Pflanzen basiert vor allem auf ihrer bekannten Zusammensetzung sowie ihrem Gehalt an löslichen Ballaststoffen und Schleimstoffen.
Können Pferde die Pflanzen auswählen, die sie benötigen?
In den letzten Jahren beschäftigen sich Forscher zunehmend mit einem Phänomen namens Zoopharmakognosie.
Darunter versteht man die Fähigkeit von Tieren, bestimmte Pflanzen oder andere Stoffe gezielt auszuwählen.
Studien, in denen Pferden verschiedene Pflanzen gleichzeitig angeboten wurden, zeigen deutliche individuelle Unterschiede bei der Pflanzenauswahl.
Auch wenn die Forschung bislang nicht belegt, dass Pferde sich gezielt „selbst behandeln“, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Pferde deutlich vielfältigere Pflanzenentscheidungen treffen als früher angenommen. Darüber hinaus sind Pferde sehr geschickt darin, viele für sie ungeeignete Pflanzen zu meiden.
Kräuterfütterung und Sommerweide – derselbe Gedanke in unterschiedlicher Form
Die Sommerweide ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine vielfältige Pflanzenauswahl natürlicherweise zur Ernährung des Pferdes gehört. Eine gut gepflegte Weide enthält oft verschiedene Gras- und Kräuterarten, die Abwechslung sowie unterschiedliche Nährstoffe und natürliche Pflanzenstoffe liefern.
In der Natur besteht die Ernährung des Pferdes nicht aus nur einer oder zwei Pflanzenarten. Stattdessen nutzt es eine große Vielfalt an Pflanzen, die sich mit den Jahreszeiten verändert. Aus dieser Perspektive kann auch die Kräuterfütterung als Möglichkeit betrachtet werden, die Vielfalt der täglichen Ration zu erhöhen – insbesondere dann, wenn die Fütterung überwiegend auf Heu und anderen traditionellen Futtermitteln basiert.
Ob Sommerweide, Wildkräuter oder gezielt eingesetzte Kräuter in der täglichen Fütterung – der gemeinsame Nenner bleibt derselbe: Eine vielfältige Pflanzenauswahl war während der gesamten Evolution ein natürlicher Bestandteil der Ernährung des Pferdes.
Quellen
Williams CA & Lamprecht ED (2008). Some Commonly Fed Herbs and Other Functional Foods in Equine Nutrition: A Review. The Veterinary Journal.
Winther K et al. (2010). A Randomised Placebo Controlled Double Blind Study on the Effect of Subspecies of Rose Hip (Rosa canina) on the Immune System, Working Capacity and Behaviour of Horses.
Winther K et al. (2012). The Absorption of Natural Vitamin C in Horses and Anti-Oxidative Capacity: A Randomised Controlled Study on Trotters During a Three-Month Intervention Period. Comparative Exercise Physiology 8:195–201.
Mazan MR et al. (2019). Effects of Feeding Garlic (Allium sativum) on the Respiratory Health of Horses.
Pearson W et al. (2005). Effects of Dietary Garlic on Blood Parameters in Horses.
Elghandour MMY et al. (2018). Plant Bioactives and Extracts as Feed Additives in Horse Nutrition.
